I. ForschungslageDer Name der mittelalterlichen Abtei Sankt Gallen steht in der Musikwissenschaft für einen umfangreichen, reichhaltigen und bedeutenden Bestand musikgeschichtlicher Quellen, der uns umfassend wie in keinem anderen Fall von den musikbezogenen Aktivitäten eines Kulturzentrums der spätkarolingischen, ottonischen und frühsalischen Zeit Kenntnis gibt. Dank der einzigartigen Gunst dieser Überlieferung ist die mittelalterliche Musikgeschichte Sankt Gallens in wesentlichen Teilen gut erforscht, jedoch noch nicht zusammenhängend dargestellt, und die musikgeschichtliche Stellung der Abtei bleibt ein in vieler Hinsicht offenes Problem.Seit der 1851 erschienenen Lichtdruckausgabe des Codex 359 seiner Stiftsbibliothek als Antiphonaire de Saint Grégoire in einer vermeintlichen »copie authentique de l’autographe écrite vers l’an 790« durch Louis Lambilotte waren die mittelalterlichen Musikhandschriften Sankt Gallens Gegenstand anhaltenden Interesses. Standen dabei vorab Aspekte einer Geschichte der ›Kirchenmusik‹ (von A. Schubiger 1858 bis R. van Doren 1925) und der ›Choralforschung‹ im Vordergrund (bei den Faksimileausgaben der ›Choral‹-Codices 339, 390 + 391 und 359 in PalMus 1/I [ 1889 ], 2/I [ 1900 ] und 2/II [ 1924 ] und noch bei E. Cardine 1970 und W. Wiesli 1966), so kamen mit den Abhandlungen zweier Schüler Peter Wagners (O. Marxer...