I. Geschichte: Von den Anfängen bis zum späten 19. Jahrhundert 1. Historischer Ansatz, Quellen und Hypothesen Die Auffassung der afrikanischen Musikpraxis als ein Panorama von über viele Jahrhunderte weitergegebenen, statischen und ethnisch fixierten ›Volks‹-Traditionen wird heute nur noch von wenigen Forschern geteilt. Noch vor dreißig bis vierzig Jahren war der Stereotyp ›geschichtsloser‹, von anonymen Dorfgemeinschaften in ihrem ›Lebenszyklus‹ produzierter Musikformen der Ausgangspunkt vieler Dokumentationen, die im subsaharanischen Afrika durchgeführt wurden. Wo Veränderungen in solchen Musiktraditionen allzu sichtbar wurden, schrieb man sie rezenten ›Fremdeinflüssen‹ zu, sprach von hybrid music und neigte generell zur Ansicht, dass afrikanische Musik sich erst im 20. Jahrhundert – unter europäischem und amerikanischem Einfluss – wesentlich verändert habe. Für viele Beobachter bedeuteten diese ihnen eher unangenehmen Veränderungen den sichtbaren Verlust von Authentizität. Ein spätes Erbe dieser Vorstellungen findet sich in der noch heute vielfach verbreiteten Unterscheidung zwischen sog. traditioneller und sog. moderner afrikanischer Musik, wobei man die erstere Kategorie oft eher von einem ahistorischen Ansatz her untersuchte. Derartige Unterscheidungen gehen an der Historizität afrikanischer Musikkulturen vorbei. Von den Anfängen, die wir zeitlich niemals präzisieren...